Christoph Hinz berichtet über die Ratssitzung an Weiberfastnacht
Es ist Sitzung und der Saal ist voll. An sich nichts Ungewöhnliches an Karneval. Leider ist hier eine angespannte Stimmung als hätte man Kölner und Düsseldorfer dazu verdonnert, zusammen zu feiern.
Als ich den Termin für diese Karnevals- , Entschuldigung, Ratssitzung sah, dachte ich: Das können die nicht machen - Ratssitzung an Weiberfastnacht?!?! Aber je länger ich darüber nachdachte, umso mehr merkte ich: Einen besseren Termin für diese Ratssitzung hätten wir nicht wählen können - denn es gibt überaschende Parallelen zwischen diesem hohen rheinländischen Feiertag und der Vareler Politik.
Gestatten Sie mir, als geborenem Kölner, einen kurzen Blick in meine Heimatstadt:
In Köln wurde heute das Rathaus von Narren gestürmt, die dort die Macht übernahmen. Anschließend gab es Freibier.
Bei uns liegen die Dinge etwas anders: In Varel gab es in den letzten Jahren sehr viel Freibier und nicht nur zu Karneval: Z.B einen kostenlosen Seniorenpass, Straßenbeleuchtung die ganze Nacht, Straßensanierungen bei noch ausreichender Befahrbarkeit, teure und zum Teil völlig überflüssige Studien z.B. zur Parkplatzsituation in Varel (10.000 Euro, um von einem Fachmann schriftlich zu erhalten, was jeder Laie nach mehreren Einkaufstouren in Varel so schon wusste…)
Nun ist gegen Freibier grundsätzlich überhaupt nichts einzuwenden. Wenn der, der es ausgibt, Geld dafür hat. Und das ist der Grund warum wir in Varel jetzt das Rathaus stürmen: Wir haben kein Geld…, also:
Schluss mit dem Freibier! Ab jetzt ist Fastenzeit.
Nochmal zurück nach Köln: Es gibt dort eine eigene Version der 10 Gebote:
Die 10 Gebote op Kölsch. Faszinierenderweise passen diese auch für die Politik der letzten Jahrzehnte in Varel…:
Am bekanntesten sind wohl das 2. + 3. Gebot: „Et hätt noch immer joot jejange“ und „Et kütt wie et kütt“ – frei übersetzt soviel wie: Es ist bisher immer noch gut gegangen, wir brauchen nichts Grundlegendes verändern, es kommt sowieso so wie es kommen soll…
Bei Änderungsvorschlägen der Oppositon kamen meist das 6. + 9. Kölner Gebot: „Watt soll dä Quatsch?“ und „Kenne mer net, bruche mer net, fott damit“ – also „Kennen wir nicht, brauchen wir nicht, weg damit.“ Doch, wir brauchen Veränderung, und die wird leider mit einigen unangenehmen Entscheidungen verbunden sein. Und wenn Sie sich das nicht trauen, dann müssen wir das halt machen…
„Et hätt noch immer joot jejange“ haben sich die Manager bei den „Lehman Brothers“ kurz vor dem Zusammenbruch der Bank wahrscheinlich auch noch gedacht. Natürlich nicht auf Kölsch…
Wir müssen in Varel das Ruder rumreißen bevor diese Stadt pleite ist und wir nicht mehr selber Entscheidungen fällen können, sondern sie von unserem Insolvenzverwalter diktiert bekommen! Ich will nicht vom Kreis gesagt bekommen, dass wir das Freibad und die Bibliothek schließen müssen…!
Wenn wir hier und heute nicht Weiberfastnacht praktizieren, ist in Varel bald das ganze Jahr Aschermittwoch!
Nun ist Freibier ja nicht der ursprüngliche Sinn und Zweck von Weiberfastnacht. Es geht eigentlich um Emanzipation und Befreiung von den seit Ewigkeit allein Herschenden.
Der Karneval war früher nur den Männern vorbehalten. Die Frauen mussten arbeiten, während die Männer feierten. In Beuel, einem Vorort von Bonn (Welches wiederum, genau wie Düsseldorf, eigentlich ein Vorort von Köln ist…), gründeten Wäscherinnen 1824 das erste Damenkomitee, um die Teilnahme am rein männlichen Karneval zu erfechten. Sie stürmten das Rathaus und übernahmen dort symbolisch die Macht. Von da an war der Einzug der Damen in den Karneval nicht mehr aufzuhalten… Den Männern, die den Karneval seit Ewigkeiten bestimmt hatten, wurde das Symbol der Macht, der Schlips, abgeschnitten. Zur Entschädigung bekamen sie ein Bützchen (also einen Kuss).
Heute geht es hier auch um Symbole der Macht – den Ratsvorsitz und die Posten der stellvertretenden Bürgermeister. Wir wollen hier in Varel etwas Neues machen und dafür müssen die Symbole der jahrzehntelang herrschenden Macht erst einmal abgeschnitten werden.
Es ging übrigens in Beuel nicht um persönliche Rache an bestimmten Männern. Es ging um die Sache, um Veränderung der festgefahrenen Strukturen. Auch heute geht es, zu mindestens für mich, nicht um die Demontage unseres jetzigen Ratsvorsitzenden, auch wenn man das nach der Lektüre der Zeitungen die letzten Wochen glauben konnte.
„Herr Funke, ich habe bei Ihrer Wahl zum Ratsvorsitz im November 2006, (soweit ich mich erinnere als einziges Oppositionsmitglied), nicht gegen Sie gestimmt, weil ich mir sagte: Ich kenn den Mann nicht. Gib ihm erst Mal eine Chance. Und wenn ich heute gegen Sie stimme, dann nicht weil Sie sie nicht genutzt hätten. Für mich persönlich muss ich sagen: Aus meiner Sicht haben Sie alle Sitzungen hier fair und mit viel Humor geleitet. Ich bin froh Sie hier erlebt zu haben. Es hat Spaß gemacht. Auch in persönlichen Gesprächen sind Sie mir als Mensch mit vielen sympathischen Grundsätzen und Meinungen durchaus ans Herz gewachsen. Nehmen Sie es also bitte nicht persönlich, wenn ich Ihnen heute trotzdem den Schlips abschneide. Es geht darum ein Zeichen für einen Neuanfang zu setzen. Wenn jemand Neues ins Haus zieht, muss man nun mal die Schilder an Tür und Briefkasten auswechseln…“
Noch etwas: Karneval wird seit der Erstürmung des Rathauses in Beuel nicht alleine von den Frauen gefeiert. Frauen und Männer feiern zusammen und bützen sich nicht nur nach der Schlipsbeschneidung.
Vielleicht ist das hier bei uns im Rat ja auch möglich. Vielleicht gehen wir das große Problem, welches Varel zurzeit hat, einfach alle zusammen an; vielleicht können wir dann auch bald zusammen feiern und wieder Freibier ausgeben; es muss ja nicht gleich mit Bützchen sein.
Und noch ein kleiner Tipp eines erfahrenen Karnevalisten an die Schlips- oder Postenträger hier im Rat:
Wer seinen Schlips nicht zerschnitten haben möchte – der zieht ihn einfach vorher aus…
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